Das Intermezzo

Es ist schon befremdlich, mit solch einer Nonchalance in Griechenland in irgendein Flugzeug zu steigen. Und dann mit derselben Lässigkeit der europäischen Herkunft irgendwo zwischen Zypern und Island wieder auszusteigen. Das ist unfair. Warum bleibt diese Selbstverständlichkeit Tausenden und Abertausenden Syrern, Afghanen und Irakern in Griechenland verwehrt?

Das Leben ist nicht gerecht, heisst es. Doch das reicht mir als Erklärung nicht aus. Das ist keine Antwort, die mich befriedigt. Und ich wundere mich noch immer über diese Selbstverständlichkeit, mit der ich in Irakleo in den Flieger einsteigen und in Basel wieder aussteigen durfte. Dann die Passkontrolle am Flughafen. Der Schweizer Beamte will meinen Pass nicht einmal anfassen, geschweige denn einen Blick hineinwerfen. Nach so vielen Ausweiskontrollen in Griechenland bin ich darüber fast beleidigt. Im Zug nach Freiburg das gleiche Spiel.

Dann bin ich in dem Land, in dem ich nicht habe sein wollen. Zumindest nicht so schnell. Ich frage mich, ob es klug war, mich für mein Geburtsland ausgerechnet in Basel und Freiburg warmzulaufen? Aber Deutschland ist nur ein Intermezzo, denke ich bei mir. Wir haben einander nichts mehr zu sagen und werden unsere Konversation auf das Notwendigste beschränken. Wie nach dem Ende einer Liebe, bei dem es gilt, den hassgeliebten Ex-Partner weitgehend zu meiden.

Freiburg kommt mir erschreckend provinziell vor. W-Lan in den Cafés oder im Hostel? Fehlanzeige. Lokale, die auf asiatische oder gar vegetarische Speisen spezialisiert sind, sind an einer Hand abzuzählen. Zünftige Küche, Bier und Pizza hingegen finden sich an fast jeder Straßenecke. Immerhin sind die Mülleimer dreisprachig gekennzeichnet. Wahrscheinlich nur, damit die vielen französischen, schweizerischen und amerikanischen Touristen das badische Städtle nicht so schnell zumüllen. Von wegen kosmopolistisch.

48 Stunden später in Trier begegne ich einen anderen bekannten, deutschen Phänomen. Dem Untertangeist.

Bei dem Versuch, eine syrische Freundin in der so genannten Erstaufnahmestelle zu finden, werde ich von einem Sicherheitsangestellten aufgehalten.

„Sind Sie ein Familienanghöriger?“

„Nein, aber sie ist meine Freundin!“

„Dann dürfen Sie hier nicht rein.“

„Aber ich bin extra aus Griechenland gekommen, um sie zu sehen.“

„Ich habe meine Vorschriften!“

Vorschriften, denke ich später, damit haben KZ-Aufseher und die DDR-Grenzsoldaten auch gern argumentiert.

Doch noch bevor ich soweit denken kann, liegen wir uns schon in den Armen. Sie hat mich gefunden. Sie strahlt. Ich mag sie kaum wieder loslassen. Und bin froh, dass der Security-Mensch dann doch nicht Dienst nach Vorschrift macht.

„Ich habe Sie jetzt als Schwester eingetragen“, sagt er, bevor er mir den Gästeausweis aushändigt.

Zeitgleich mit dem schnellen Familienzuwachs wächst meine Erleichterung. Meine neue Schwester ist entspannt und glücklich. Sie ist nach fast einem Jahr der Trennung wieder bei ihrem ältesten Kind. Die Verzweiflung, die sie monatelang in Griechenland umtrieben hat, ist verschwunden.

Ich bin erleichtert und wage dabei nicht, an meine anderen syrischen Freunde und Bekannte in Griechenland denken. Die immer noch wie Gefangene in Europas ärmsten Land ausharren müssen. Die nicht einfach in einen Flieger nach Basel steigen und unbehelligt über die Grenze nach Freiburg fahren können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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