Die Idomeni-Tage (12)

Foto: Lucie Gay

 

Thessaloniki/Galatas/Chania, Ende Juni bis Anfang Juli 2016

„Sieh mir in die Augen“, sagt Leonidas. „Und sag mir, was du von der griechischen Flüchtlingspolitik hälst.“ Wir sitzen in Kreta unter einem Olivenbaum, die Zikaden zirpen und und alles könnte so schön wie harmlos sein.  Wäre da nicht diese heikle Frage und die Erwartungshaltung meines Gastgebers, in dessen Worten immer wieder der Stolz einer ganzen Nation durchscheint. „Kreta ist eine reiche Insel, aber in Griechenland gibt es viele Familien, die ihren Kindern nicht einmal Milch auf den Tisch stellen können“, fügt der 55-jährige Inselbewohner hinzu.

Die Armut des südeuropäischen Landes ist nicht immer augenscheinlich. Wie in Deutschland scheint sie eher versteckt zu sein. Von Polykastro im Norden über Thessaloniki bis hin nach Athen sehe ich immer wieder viele Menschen tagsüber, abends und nachts in den Cafés sitzen. Sie trinken zumeist Freddo Cappuccino, was nach Ouzo und Tzipouro das neue Nationalgetränk zu sein scheint. In Thessaloniki gibt es unzählige Cafes, Restaurants und Boutiquen. Die Männer tragen Hipsterbärte – vor allem die jüngeren. Die Frauen flanieren mit Push-ups und eng anliegende Sommerkleidern über den Boulevard. Ihre Frisuren  sehen immer perfekt aus. So als kämen sie frisch vom Friseur oder als hätte ihr oft hüftlanges Haar eine stundenlange Behandlung mit dem Glätteeisen hinter sich.

Und dann gibt es diese alten, weniger chicen Frauen in Thessaloniki, die von Lokal zu Lokal ziehen und manchmal recht aufdringlich Feuerzeuge und Plastikkugelschreiber zu verkaufen suchen. Oder Menschen, die mit Müllkarren durch die Straßen ziehen. Oder die vielen verwahrloste Hunde und Katzen auf den Straßen. Oder die syrische Mutter, die nach einem Streit mit ihrem Mann jetzt mit ihren kleinen Kindern in Athen auf der Straße lebt. Die offiziellen Auffanglager sind alle voll.

Ich komme gerade vom Strand in Chania zurück, als ich unzählige Nachrichten in einem internen Gruppen-Chat eines syrischen Bekannten vorfinde. Nennen wir ihn Abboud, obwohl er in Wirklichkeit anders heißt.

Abboud lebte mit seiner Mutter und seinen beiden Schwestern nach seiner Flucht aus Syrien zunächst in Idomeni. Als sie Ende Mai mit der Räumung Idomenis in eines der umstrittenen Militärlager kommen, wird ihnen klar, dass sie dort nicht bleiben wollen. Kurzfristig kommt die Familie in einer Privatwohnung in Thessalonki unter. Dann gelingt der Mutter und Abbouds ältester Schwester die Flucht nach Deutschland. Eine illegale, eine teure, eine gefährliche Flucht. Von der vor allem der Menschenhändler profitiert.

Abboud und die jüngere Schwester wollen nachkommen. Sie heuern ein weiteres Mal einen Fluchthelfer an. Der Menschenhändler teilt ihnen noch ein allein reisendes zwölfjähriges Mädchen zu, das sie nicht kennen. Das Kind ist kein Einzelfall. Es gibt viele Minderjährige aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan, die allein auf der Flucht sind.

„Seine Familie ist in Syrien gestorben, hat es gesagt“, erzählt Abboud und nimmt das Mädchen mit. Doch der Fluchtversuch misslingt. Noch in Satorini, einer beliebten Ferieninsel, werden alle Vier von der Polizei verhaftet und stundenlang in Gewahrsam genommen. 24 Stunden lang bekommen sie weder Essen noch Trinken. Ein Polizist nimmt Abboud ein Teil seines Geldes ab und schlägt ihn. „Warum passiert das alles? Warum?  Nur, weil wie Syrer sind?“, fragt Abbouds andere Schwester, die schon in Deutschland ist.

Irgendwann am anderen Tag werden Abboud und seine jüngere Schwester entlassen. Das  12-jährige Mädchen aber bleibt in Polizeigewahrsam. Es ist minderjährig, daher müssen die Beamten sie dabehalten. „Die Polizei hat gesagt, es muss mehr als 15 Tage dort bleiben“, erzählt Abboud. Solange bis eine Organisation kommt und sich ihrer annimmt.

 

 

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