Die Idomeni-Tage (10)

Foto: privat

 

Polykastro, 12. bis 13. Juni  2016

Als ich am Sonntag eine Nachricht von Ali über die bevorstehende Räumung des Lager an der Eko-Tankstelle bekomme, glaube ich ihm erst nicht. Ich will es vielleicht nicht wahrhaben. Böser Fehler.

Montagmorgen um halb neun lese ich auf dem internen Chat eine Nachricht von Pricilla. „Die Tankstelle ist Polizeibussen umzingelt, und auch auf dem Camp selbst wimmelt es von Polizisten, aber es ist  friedlich hier“, schreibt die freiwillige Helferin. Zeitgleich gehen auf Twitter ähnliche Meldungen ein. Minuten später eine neue Nachricht von Priscilla. „Die Polizei hat mich mit Gewalt rausgeworfen.“ Dann bricht der Kontakt erst einmal ab. Bis ich die Einzelheiten erfahre.

Pricilla wacht am Montagmorgen im Zelt ihrer Freunde auf und sieht überall Polizei. Da kommt ihr Gastgeber auf sie zu und berichtet ihr, dass die Evakuierung begonnen habe. Er bietet ihr einen Tee an. Kein Problem, sagt er noch, während ihm schon die Tränen über das Gesicht laufen. „Da war mir klar, dass die Polizei schon seit Stunden da ist, um die Leute aufzuwecken und zum Gehen aufzufordern. Eine Vorankündigung gab es nicht“, erzählt sie. Pricilla geht über die Wiesen und Einfahrtstraßen und verabschiedet sich von ihren anderen Freunden. „My friend, my friend, haben sie mir gesagt, bitte komm mit uns mit. Wir lassen dich kurdisch aussehen, aber geh nicht weg.“ Da schaut sie auf ihre helle Haut und ihr blondes Haar und lacht. „Ich habe ihnen versprochen, in das neue Camp nachzukommen.“

Als Pricilla zum Zelt zurückkehrt und ihren Tee austrinken will, steht schon ein Polizist dort. Ein zweiter kommt hinzu, verlangt nach dem Reisepass der Niederländerin, führt sie in ein Polizeiwagen und verriegelt ihn. „Er hat nicht erklärt, warum. Ich konnte nicht einmal mehr meine Sachen holen.“ Mit zwei anderen Ehrenamtlichen wird Pricilla ins Polizeipräsidium von Polykastro gefahren und drei Stunden lang festgehalten.

Ähnliche Erfahrungen macht auch Giada. Ich kenne sie als Initiatorin des „Women’s salon“, dem Tipi, in dem ich Yoga unterrichtet habe. Die Italienerin umarmt gerade ein Mädchen zum Abschied, als ein Beamter auf sie zukommt. „Der arrogante Polizist hat mich gezwungen, mitzukommen und mich in den Van geschubst.“ Nach und nach werden mehr als 20 Ehrenamtliche abgeführt, berichtet Giada.

Während Giada und Pricilla verhört werden, fahren 32 Busse auf die Tankstelle an der E 75 und sammeln Hunderte von Menschen ein. Dann fahren sie ab in Richtung Thessaloniki. Wohin sie gebracht werden, wissen die Menschen nicht. Nach offiziellen Angaben sollen zuletzt 1828 Menschen in Eko gelebt haben. Tatsächlich ist schon ein geschätztes Drittel davon auf eigene Faust abgereist. Es hat sich an anderen Orten nahe der Grenze oder in anderen Auffanglagern niedergelassen.

Ich versuche, Ela zu erreichen. Aber sie reagiert nicht auf meine Nachfrage per Facebook, wohin sie gebracht worden sei. Auf Twitter aber trudeln die ersten Bilder des neuen staatlichen Auffanglagers ein. Es liegt kurz vor dem Dorf Vasilika, 20 Kilometer östlich von Thessaloniki. Man sieht einfache Zelte auf dem Betonboden einer Fabrikhalle. Später tauchen auch Nachrichten auf, dass die Bewohner von Vasilika die Neuankömmlinge mit Steinen beworfen hätten.

Pricilla macht ihr Versprechen wahr und fährt nach ihrer Freilassung dorthin. „Ich habe meinen Augen kaum getraut. Große, alte, hässliche und schmutzige Fabrikhallen umgeben von großen Zäunen.“ Sie sieht Kinder mit verrosteten Schrauben und anderem Müll spielen. Zelte aus einfachen Planen ohne Fussboden und kaum Innenfläche. Wie kann das besser sein als der Ort, an dem sie vorher gelebt haben, fragt sie sich.

Am frühen Abend bekomme ich eine persönliche Nachricht. Nicht von Ela, aber von meiner Freundin Roushin. Sie schickt eine Sprachnachricht in einer Mischung aus Deutsch und Englisch. Ihre Stimme klingt brüchig: „The new campa is not good. Kaputt, kaputt.“ Es gebe nicht zu wenige Toiletten für zu viele Menschen. Davon würden alle krank werden. Dann endet ihre Nachricht.

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