Die Idomeni-Tage (11)

Foto: Julia Christ

 

Thessaloniki, 20. Juni 2016

„Du brauchst einen Sommer-Fling“, schrieb mir eine Freundin aus Berlin neulich. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass sie Recht hatte. Ein Flirt oder auch mehr hätte mich vielleicht von den inneren Explosionen der folgenden Tage bewahrt. Stattdessen aber habe ich das Flirtpotenzial mehr als eineinhalb Wochen lang ungenutzt mit mir herumgetragen. So lange liegt M.s Telefonnumer in meiner kleinen, blauen Tasche. Ich wage nicht, seine Nummer zu wählen oder ihm auch nur eine SMS zu schicken.  Vielleicht hätte M. mit seiner jugendlichen Leichtigkeit und einem Lächeln alles Schwere weggewischt. Wer weiß. Doch ich will die Büchse der Pandora nicht öffnen.

Dabei ist sie schon längst sperrangelweit offen. Die Gefahr lauert ganz woanders. Eine scheinbar harmlose Nachricht Anfang der Woche. Das Explosionspotenzial dieser Mitteilung übersehe ich. Etwa 24 Stunden später implodiert der erste emotionale Sprengstoff in mir. Weitere Zündschnüre fangen Feuer. Stunde um Stunde, Tag für Tag. Es will überhaupt nicht aufhören, und es ist zu spät, in Deckung zu gehen. Dann schieße ich verbal um mich. Eine Zeitlang glaube ich noch,  alles zu verstehen, was vor sich geht. Alles bis ins kleinste Detail analysiert zu haben. Dann jedoch wird mir klar, dass ich gar nichts verstehe. Ich fühle nur noch das Beben.

Sonntag, letzter Tag in Thessaloniki. Und die letzte Chance, M. zu treffen. Ich hadere ein weiteres Mal mit mir selbst. Und auch diesmal rede ich mich heraus. Argumentiere mit Kopfschmerzen, Achselgeruch und schlechter Laune. Die Detonationen der vergangenen Tage wirken immer noch nach. Nur ganz langsam gewinne ich wieder Boden unter den Füssen.

Eine schwüle Dunstglocke hängt über der Stadt, so als trage sie die Last der ganzen Welt auf ihren Schultern. Anstelle des Rendezvous wähle ich einen Butterscotch Latte. Im Be ist es angenehm kühl. Und zu stylisch, um wie in anderen Cafés oder Bars von Rentnern oder alternden Controllerinnen in einen Smalltalk verwickelt zu werden. Ich bleibe mit mir allein.

Da kommt aus heiterem Himmel R. herein. Sie hält mir mit ihrem makellosen Schneewittchenteint die kühle Wange hin. Ich begrüße sie, freue mich, sie zu sehen und doch allein zu bleiben. R. ist eine alte Bekannte, ja, sogar Freundin. Dabei ist sie reine Fiktion, und eine atemberaubend schöne Projektion noch dazu.
„Tessa… darling“, rufe ich erfreut.
„Hey girl-friend, sag nicht immer Tessa zu mir“, entgegnet sie und ihr britischer Akzent wandelt sich blitzschnell in einen amerikanischen. Fast glaube ich Julie aus Seattle zu hören. Julie aus dem wirklichen Leben. Julie, die mich tatsächlich manchmal „girl-friend“ genannt hat. Damals, als wir uns in Polykastro ein Zimmer geteilt haben. Das scheint Lichtjahre her zu sein. Statt dessen ist R. da. Und damit die Erinnerung an eine viel länger zurückliegende Vergangenheit.
„Wo warst du so lange?“, frage ich sie.
„Ich war öfters hier, aber nur kurz.“
„Stimmt. Das war so kurz, dass ich es vergessen habe. Das letzte Mal, als wir länger diskutiert haben, war es Winter, ich glaube vorletzter Winter in Berlin.“
„Yep.“
„Aber unsere Diskussion damals hat nichts gebracht. Es ist alles anders gekommen…“
„Stimmt, sweetheart.“ R. lächelt.  Wieder einmal bin ich geblendet von ihrer hinreißenden Schönheit gepaart mit engelhafter Leichtigkeit. „Aber du hast auch meine Ratschläge nicht befolgt“, sagt sie sanft und legt ihre Hand auf meine.
„Ich… ich konnte nicht… später dann…“, stammele ich.
„Das war zu spät.“
Ich schlucke. Hätte ich wirklich meinen Kopf aus der Schlinge retten können, wenn ich den waghalsigen Ideen meines Alter Ego gefolgt wäre?
„Sieh nicht zurück, sondern nach vorn“, sagt sie schließlich. „Du läufst ja auch nicht rückwärts, sondern vorwärts, oder?!“ Dann nimmt sie mich an der Hand. „Komm, wir müssen gehen. Jetzt.“
Dann zahle ich, schwinge mich auf das Fahrrad und fahre in die Wohnung. Ich packe. Morgen sehe ich Perween. Meine syrische Freundin aus dem echten Leben. Sie hat versprochen, mich am Bahnhof abzuholen. In Athen. Die Reise geht weiter.

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