Die Idomeni-Tage (5)

Foto: Julia Christ

Idomeni, 15. bis 21. Mai 2016

„Wir wollen ein Leben haben“, sagt Walled, den ich drei Wochen später in Idomeni kennenlerne. Auch er kommt aus Aleppo. Der 25-Jährige lebt ohne Familie in Europas größtem Flüchtlingslager. „Wir wollen arbeiten, in einem Haus leben, eine Familie gründen. Wir sind jung, verstehst du?“ Sein Freund Mohamed, 27, nickt und zieht an seiner Zigarette.

Wir sitzen zu dritt auf einem der durchgesessenen Stühle in Baggelis Taverne, einem Café am Rande des inoffiziellen Flüchtlingslagers. Es gibt Kaffee, versalzenes Omelett und eine defekte Musikbox. Die Taverne ist hauptsächlich von Männern bevölkert. Sie rauchen, laden ihre Handys auf oder spielen Karten. Um mich herum wird nur Arabisch gesprochen. Aus einem Handy tönt pakistanische Musik.

Mohamed spricht mich auf Englisch an. „Are you busy?“, fragt er freundlich. „Was meinst du damit?“ – „Hast du Zeit, dich kurz mit uns zu unterhalten?“ – „Ja. Warum nicht?“ Dann reden wir. Erst eine, dann zwei und schließlich vier Stunden. Mohamed erzählt, wie wütend er ist, seit er erfahren hat, dass Hunde in Griechenland innerhalb von drei Tagen registriert würden und sofort einen offiziellen Pass bekämen. „Sind wir weniger wert als Hunde?“, fragt er, und ich habe keine Antwort.
Mohamed und Waleed berichten von ihren früheren Leben, als sie noch als Informatiker oder als Hotellogistiker gearbeitet haben. Von ihren Vorstellungen von Familie und Liebe. Dass Liebe doch für immer sein sollte. Dass ihnen mittlerweile Kleidung und Geld ausgehen. Dann spendieren sie mir eine Banane, die sie gerade gekauft haben. Die Erzählungen der beiden Männer oszillieren zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Wenn sie von ihrer Wut sprechen, klingt sie sehr moderat.
Weniger moderat ist der Zorn eine Woche später, als die Frustration einiger Menschen in Aggression umschlägt. Ein paar Männer versuchen, mit einem alten Eisenbahnwaggon den Grenzzaun nach Mazedonien zu durchbrechen. Steine und Blendgranaten fliegen durch die Luft. Tränengas strömt über die Felder. Flüchtlinge und freiwillige Helfer, Alte und Kinder rennen weg. Und werden doch vom Gas getroffen. Dani, der als freiwilliger Helfer in Idomeni arbeitet, erzählt später, dass er das Gefühl hatte, sterben zu müssen. Stattdessen erbrach er sich.
Am Tag danach brennen ein paar Zelte. Wer das Feuer gelegt hat, weiß niemand. Vielleicht war es auch eine Blendgranate der Polizei. Dann regnet es wieder einmal. Stundenlang

 

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