Frühstück am Ostbahnhof

Eine halbe Stunde: So lang bietet die Bahnhofsmission in Berlin-Friedrichshain Wärme, Essen und Gesellschaft. Manch einer redet bei einer Tasse Kaffee mit Bekannten oder Fremden über sein Leben.

Es ist ein kalter Morgen, kurz vor neun, eine kleine Sackgasse am Hintereingang des Ostbahnhofs. Ein halbes Dutzend Menschen hat vor einer unscheinbaren Glastür eine Schlange gebildet. Die Jacken der Wartenden sind bis zum Kinn zugeknöpft, alle tragen Mützen. Der Himmel über dem Bahnhof ist in feuchten Nebel getaucht. Auf einmal öffnet sich die Glastür und eine Frau steckt den Kopf heraus. „Vier“, sagt sie in bestimmtem Ton, und vier der Wartenden treten ein. Drei Männer und eine Frau. Während sie durch die Tür der Bahnhofsmission geht trägt sie mit der einen Hand mit der einen Hand einen eine dieser großen, karierten Plastiktaschen. Mit der anderen Hand aus zieht sie abgewetzten Rollkoffer hinter sich her. Ob sie ihren gesamten Hausstand mit sich führt?

Plastiktische und Brötchen vom Vortag

Drinnen angekommen empfängt eine wohlige Heizungswärme die neuen Besucher. Es gibt zwei kleine Plastiktische mit jeweils vier Stühlen. Und eine kleine, provisorische Theke, an der die Besucher Brötchen mit Wurst oder Käse und einen Becher Joghurt bestellen können. „Das sind Brötchen vom Vortag, die Backwerk gespendet hat“, erläutert eine der Ehrenamtlichen der Bahnhofsmission. Andere Essenspenden seien Privatspenden oder kämen von der „Tafel“. Die Mitarbeiterin ist im mittleren Alter und trägt wie ihre Kolleginnen und Kollegen eine stahlblaue Weste mit einem Aufnäher der Bahnhofsmission. Auch ein Namensschild prangt an ihrer Weste. „Marion“ steht darauf. Sie ist eine von 20 Ehrenamtlichen, die in der Bahnhofsmission des Ostbahnhofs tätig sind. Die Hilfsstätte ist an sieben Tagen der Woche geöffnet. Vormittags bis zwölf und dann noch einmal knapp drei Stunden am Nachmittag. Auch Duschen für einen Euro sei möglich, erklärt Marion. „Das nehmen sehr viele in Anspruch.“ Pro Tag kämen etwa 80 Menschen vorbei.

Im November 2018 hat die Nationale Armutskonferenz anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung der Armut neue Zahlen zur Lage in Deutschland vorgelegt. Nach den Angaben des so genannten Schattenberichtes lebten rund 16 Prozent der Bevölkerung an der statistischen Armutsgrenze. 70,5 Prozent der Arbeitslosen von ihnen leben dem Bericht zufolge unter der Armutsgrenze. Bei Alleinerziehenden sind es 32,5 Prozent.

Mitarbeiterin Marion blickt kurz auf die vier Neuankömmlinge, die sich untereinander auf Polnisch unterhalten und bereits frühstücken. „Es kommen viele Polen hierher“, sagt sie. Ein Mann in Jeans, Turnschuhen und einer dunkelblauen Nylonjacke mit Fliegeremblem tritt vor die Theke. „Ich hätte gerne einen Kaffee“, sagt er in akzentfreien, leicht hanseatisch klingendem Deutsch. „30 Cent“, antwortet Marion und erklärt, dass Kaffee das einzige sei, wofür die Gäste der Bahnhofsmission zahlen müssten. Der Mann gibt ihr die Münzen und setzt sich neben einen Älteren.

Der Ältere fängt an zu reden, holt einen Bündel Papiere aus seiner Jackentasche heraus und erzählt davon, dass er seinen Rentenantrag abgeben müsse. Er wisse aber nicht, wie er dort hinkäme. Der Jüngere mit der blauen Fliegerjacke und ein paar andere Gäste erklären es ihm. „Da musst du die Ringbahn nehmen“, sagt einer. „Si, si, oder Bus, Sophie-Charlotte-Platz“, erwidert der Ältere. Der Rest ist ein schwer verständliches Kauderwelsch aus Italienisch und Deutsch, wobei das Italienische eindeutig dominiert. „Das ist Luciano, er kommt oft her“, erläutert Marion. „Unglaublich, dass er schon 87 ist.“

1930er Schlager

Luciano unterhält sich noch eine Weile ausgiebig mit seinen Tischnachbarn weiter, bis plötzlich eine der Mitarbeiterinnen halblaut aufseufzt: „Oh, nein, nicht der schon wieder. Den dürfen wir eigentlich gar nicht reinlassen.“ Eigentlich, das heißt im Klartext: Es geht doch. Und so geht die Tür wieder auf und innerhalb weniger Minuten ist die Luft von Alkoholgeruch geschwängert. Der Mann mit dem intensiven Ausdünstungen hat ein puterrotes Gesicht und auberginefarbene Lippen. Ansonsten verhält er sich unauffällig. Erst als Luciano den italienischen Schlager „Mamma“ aus den 1930er-Jahren zum Besten gibt, verliert der andere die Beherrschung. „Shut up“, brüllt er dem Italiener ins Gesicht. Daraufhin setzten ihn die Mitarbeiterinnen vor die Tür.

Lucianos jüngerer Tischnachbar mit der Fliegerjacke guckt derweil auf die Uhr. Wie für alle anderen ist auch für ihn die Zeit in der Bahnhofsmission auf eine halbe Stunde begrenzt. Schließlich hat bietet die kleine Stube nur acht Sitzplätze. „Das ist immer blöd, wenn es draußen kalt ist“, sagt er und stellt sich als Daniel vor. „Aber ich habe ja eine Wohnung.“ Und dann räumt der 47-Jährige ein, dass er zuvor schon achtmal wohnungslos gewesen sei. Teils in Hamburg, wo er aufgewachsen sei, teils in Berlin. Wie hat er seine Wohnung verloren? Arbeitslosigkeit, Untermietsverhältnisse, Mietschulden und das Jobcenter —- er habe den „ganzen Druck nicht mehr ertragen“.

Seelische Konstitution zusammengebrochen

Seine berufliche Laufbahn lief alles andere als glatt: Als 18-Jähriger versuchte er sich an einer Bäckerlehre, fühlte sich aber menschlich so unfair behandelt, dass er die Ausbildung hinschmiss. „Ich wurde verletzt und weggeekelt in mein Reststolz. Jetzt bereue ich, mir keine neue Lehrstelle gesucht zu haben.“ Es folgten stattdessen viele Arbeitsverhältnisse bei Zeitarbeitsfirmen. Daniel war als Produktionshelfer beschäftigt, stand am Fließband und am Drehofen. „Das waren oft undankbare Jobs, meistens eine Schinderei mit vielen Überstunden, manchmal auch babyleicht.“ Trotzdem habe er viele Jobs gerne gemacht.
Das geht für Daniel schon lange nicht mehr. Denn irgendwann brach Daniels seelische Konstitution in sich zusammen. „Ich war irgendwann in den 1980ern kaputt.“ Heute sei er wegen eines Burnout krankgeschrieben. Außerdem leidet er an Schizophrenie. Selbst wenn er psychisch irgendwann wieder auf die Beine käme, würde Daniel als ungelernter Hilfsarbeiter wahrscheinlich zu den „working poor“ zählen. Denn laut Schattenbericht hat sich die Erwerbsarmut sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Zwischen 2004 und 2014 stieg der Anteil der „Armen“ unter allen Erwerbstätigen auf 9,6 Prozent. Armut, so legt es der Bericht nahe, betrifft demnach nicht nur Menschen ohne Arbeit.

Verstörend wirkt, was Daniel über seine Familie erzählt. Seine beiden älteren Schwestern sind unter tragischen Umständen aus seinem Leben verschwunden. Der einen sei, so erzählt er, ein tödlicher Drogencocktail verabreicht worden. Dabei sei sie endlich „clean gewesen nach zig Versuchen“. Die andere Schwester war mit einem „Psychopathen“ liiert und wurde dann „wahrscheinlich verschleppt“. Trotz Einbindung von LKA und BKA ist sie nie wieder aufgetaucht. „Sie wurde wahrscheinlich ermordet“ —- dessen ist sich Daniel ziemlich sicher. Zum Vater und zum Bruder hat der 47-Jährige zu seinem eigenen Bedauern den Kontakt verloren. Und immer kommt das Gespräch auf seine Mutter, an der er so gehangen hat und die vor einigen Jahren verstorben sei.

Tagsüber geht er für ein paar Stunden Flaschensammeln. „Damit habe ich ein, zwei Tage in der Woche ein bisschen Geld“, sagt er. Und er will nicht betteln. „Ich frage nie nach Geld, nur nach Zigaretten.“ Möglicherweise hatte Daniels Leben bisher mehr Tiefen als Höhen. Doch der Wahl-Berliner sieht einen Silberstreifen am Horizont. „Ich kriege meinen Haushalt geregelt und meine Wohnung ist vorzeigbar. Es geht bergauf.“

Julia Christ

Notabene: Diese Reportage ist im Februar 2019 in redigierter Form im Wochenmagazin Forum erschienen.

 

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